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Fachbeitrag · Controlling, Risiko und Steuerung

KPIs und KRIs: Von der Kennzahl zur Entscheidung 2026/2027

  • Rechtsstand: Oktober 2026
  • Lesezeit: ca. 17 Minuten
  • Autor: Achim Schulz

KPIs und KRIs gibt es in fast jedem Unternehmen. Was oft fehlt, ist der Schritt von der Zahl zur Entscheidung: Auswahl, Schwellenwerte, Analyse und Maßnahmen, ergänzt um die aktuelle Risikolage und die Regulatorik 2026/2027.

Management Summary: Von der Kennzahl zur Entscheidung

Kennzahlen gibt es in jedem Unternehmen genug. Was fehlt, ist oft der Schritt von der Zahl zur Entscheidung: Ein Dashboard mit vielen bunten Werten hilft wenig, wenn niemand weiß, ab welchem Wert gehandelt werden muss und wer dann entscheidet.

KPIs zeigen, ob du deine Ziele erreichst. KRIs zeigen, ob sich ein Risiko aufbaut, das diese Ziele gefährdet. Wirksam werden beide erst, wenn sie ausgewählt, mit Schwellenwerten versehen, regelmäßig analysiert und in Maßnahmen übersetzt werden.

Die Risikolage macht KRIs wichtiger denn je. Im Allianz Risk Barometer 2026 nennen 52 % der deutschen Befragten Cybervorfälle als größtes Geschäftsrisiko, nach 47 % im Vorjahr. Künstliche Intelligenz steigt in Deutschland neu auf Platz 4 ein, Änderungen in Gesetzgebung und Regulierung springen auf Platz 3.

Gesetzgeber und Aufsicht verlangen zunehmend messbare Indikatoren, von der Krisenfrüherkennung nach StaRUG über NIS2 bis zu den MaRisk. Eine allgemeine Pflicht zu KRIs gibt es nicht, aber viele Pflichten lassen sich ohne Indikatoren kaum erfüllen. Dieser Beitrag zeigt Rechtsstand und Risikolage und führt in fünf Schritten zu besseren Entscheidungen. Er ersetzt keine Rechtsberatung im Einzelfall.

KPIs und KRIs: Unterschied und Zusammenspiel

Key Performance Indicators (KPIs) messen, ob dein Unternehmen seine Ziele erreicht. Key Risk Indicators (KRIs) messen, ob sich ein Risiko aufbaut, das diese Ziele gefährdet. Beide gehören in dasselbe Berichtswesen, beantworten aber unterschiedliche Fragen.

MerkmalKPIKRI
FrageErreichen wir unsere Ziele?Baut sich ein Risiko auf, das unsere Ziele gefährdet?
BlickrichtungMeist rückblickend (Ergebnis)Vorausschauend (Frühwarnung)
BezugStrategie und ZielsystemRisikoinventur und Risikoappetit
Beispiel VertriebUmsatzwachstumAnteil der Umsätze mit den drei größten Kunden
Beispiel FinanzenOperativer CashflowLiquiditätsreichweite in Wochen
Beispiel ITSystemverfügbarkeitAnteil kritischer Schwachstellen, die länger als 30 Tage offen sind

Ein KRI ist keine Risikoart. „Cybersicherheit“ ist ein Risiko, kein Indikator. Ein KRI ist eine messbare Größe, die eine Veränderung dieses Risikos anzeigt, etwa die Patch-Quote oder die Klickrate in Phishing-Simulationen.

Das Zusammenspiel: Zu jedem wichtigen KPI gehört mindestens ein KRI. Wer Umsatzwachstum steuert, sollte gleichzeitig Kundenkonzentration und Zahlungsziele beobachten. Sonst wird Wachstum mit steigendem Risiko erkauft. Ergänzend nutzen viele Unternehmen Kontrollindikatoren (KCIs), die messen, ob Kontrollen wirksam sind.

Praxistipp: Bilde für deine fünf wichtigsten Ziele jeweils ein Paar aus KPI und KRI. Das ist der schnellste Weg zu einem ausgewogenen Steuerungsbild. Mehr dazu: Pflichtkennzahlen und Ampellogik im Hub

Aktuelle Risikolage: Welche KRIs 2026/2027 zählen

Das Allianz Risk Barometer 2026 zeigt, wo deutsche Unternehmen ihre größten Risiken sehen. Daraus lassen sich passende KRIs ableiten:

Rang in Deutschland 2026RisikoBeispiele für KRIs
1 (52 %)CybervorfällePatch-Quote, offene kritische Schwachstellen, Klickrate in Phishing-Tests, Zeit bis zur Erkennung von Vorfällen
2 (40 %)BetriebsunterbrechungenAnteil kritischer Lieferanten ohne Alternative, Lagerreichweite, Ergebnisse von Notfalltests
3 (28 %)Änderungen in Gesetzgebung und RegulierungAnzahl offener Umsetzungsprojekte mit Frist unter sechs Monaten, Zollanteil an Materialkosten
4 (26 %)Künstliche IntelligenzAnteil nicht freigegebener KI-Anwendungen, geschulte Nutzer in Prozent, KI-Vorfälle
5 (19 %)NaturkatastrophenStandorte in Risikogebieten, Versicherungsdeckung

Schwerpunkt KI-Risiken: Nach dem IBM Cost of a Data Breach Report 2025 gaben 13 % der Organisationen Sicherheitsvorfälle bei KI-Modellen oder -Anwendungen an. 97 % davon hatten keine angemessenen Zugriffskontrollen für KI. Ein guter KRI ist deshalb der Anteil der KI-Anwendungen ohne Freigabe und Zugriffskonzept.

Praxistipp: Gleiche deine KRI-Liste einmal jährlich mit aktuellen Risikostudien und deiner eigenen Risikoinventur ab. Neue Risiken wie KI brauchen neue Indikatoren. Mehr dazu: Die Zukunft des Controllings mit KI

Fristen und Zeitpunkte: Was gilt wann

Nicht alle Anforderungen gelten schon. Die Tabelle trennt, was heute gilt, was sich im Übergang befindet und was künftig kommt. Rechtsstand ist Oktober 2026.

ZeitpunktWasBetrifftFundstelle
Gilt seit 06.12.2025Konzepte und Verfahren zur Bewertung der Wirksamkeit von RisikomanagementmaßnahmenNIS2-Einrichtungen§ 30 Abs. 2 Satz 2 Nr. 6 BSIG
Gilt seit Juni 2026MaRisk 10.0 (Rundschreiben 06/2026 (BA)); zusätzliche Anforderungen der Novelle bis 01.01.2027InstituteMaRisk AT 4.2 Tz. 2, AT 4.3.2 Tz. 2, BTO 1.3.1 Tz. 2, AT 4.3.4
Gilt seit 01.04.2026ESG-Risikoplan; für kleine und nicht komplexe Institute ab 11.01.2027Institute§ 26d KWG
Geschäftsjahre ab 01.01.2027IFRS 18 mit Angaben zu Management-defined Performance Measures; freiwillige frühere AnwendungIFRS-AnwenderVO (EU) 2026/338
Geschäftsjahr 2027Überarbeitete ESRS verbindlich; für 2026 freiwilligCSRD-UnternehmenDelegierte VO (EU) 2026/1563; § 289b HGB
Bis 07.06.2027Entgeltberichte ab 150 Beschäftigten erstmals nach der Richtlinie; deutsche Umsetzung offenArbeitgeberRichtlinie (EU) 2023/970
Ab 02.12.2027Hochrisiko-Pflichten für KI-Systeme zur Leistungsbewertung von BeschäftigtenAlle Unternehmen mit KI im PersonalbereichKI-VO, Anhang III Nr. 4

Die Zahlen zur Risikolage stammen aus dem Allianz Risk Barometer 2026. Eine neue Ausgabe erscheint üblicherweise zu Jahresbeginn; dann lohnt sich der Abgleich deiner KRI-Liste.

Pflichten nach Funktion: Wo Kennzahlen gefordert sind

Eine allgemeine Pflicht zu KPIs und KRIs gibt es nicht. Es gibt aber Normen, die messbare Indikatoren voraussetzen. Welche für dich gelten, hängt von Rechtsform, Branche und Funktion ab.

FunktionFundstelleAnforderung
Geschäftsleitung: Lagebericht§ 289 Abs. 1 Satz 3, Abs. 3 HGB„In die Analyse sind die für die Geschäftstätigkeit bedeutsamsten finanziellen Leistungsindikatoren einzubeziehen und unter Bezugnahme auf die im Jahresabschluss ausgewiesenen Beträge und Angaben zu erläutern.“ Große Kapitalgesellschaften auch nichtfinanzielle Indikatoren (Abs. 3).
Geschäftsleitung: Krisenfrüherkennung§ 1 Abs. 1 StaRUGGeschäftsleiter haftungsbeschränkter Unternehmen „wachen fortlaufend über Entwicklungen, welche den Fortbestand der juristischen Person gefährden können“, ergreifen „geeignete Gegenmaßnahmen“ und berichten den Überwachungsorganen „unverzüglich“.
Vorstand und Aufsichtsrat der AG§ 91 Abs. 2 AktG; § 87 Abs. 1 Satz 2 AktGEinrichtung eines Überwachungssystems. Bei börsennotierten Gesellschaften: „Die Vergütungsstruktur ist bei börsennotierten Gesellschaften auf eine nachhaltige und langfristige Entwicklung der Gesellschaft auszurichten.“
Informationssicherheit (NIS2-Einrichtungen)§ 30 Abs. 2 Satz 2 Nr. 6 BSIG„Konzepte und Verfahren zur Bewertung der Wirksamkeit von Risikomanagementmaßnahmen im Bereich der Sicherheit in der Informationstechnik“. Das BSI nennt als Kennzahlen zur Wirksamkeitsbewertung unter anderem Patch-Quote, Reaktionszeiten und Phishing-Simulationen.
Institute: RisikosteuerungMaRisk 10.0 AT 4.2 Tz. 2; AT 4.3.2 Tz. 2„Insbesondere ist für alle wesentlichen Risiken der Risikoappetit des Instituts festzulegen“. Aus ihm sind geeignete „Indikatoren für die frühzeitige Identifizierung von Risiken sowie von risikoartenübergreifenden Effekten“ abzuleiten.
Institute: KreditgeschäftMaRisk 10.0 BTO 1.3.1 Tz. 2Indikatoren auf Basis quantitativer und qualitativer Risikomerkmale, Watchlist, regelmäßige Information der Geschäftsleitung. „Die Frühwarnindikatoren müssen regelmäßig überprüft und bei Bedarf angepasst werden.“
Institute: ESG§ 26d Abs. 1 KWGESG-Risikoplan mit angemessenen und quantifizierbaren Zielen und Kennzahlen.
IT, Controlling und Personal: KI-EinsatzArt. 4 KI-VO; MaRisk AT 4.3.4 Tz. 1Unternehmen stellen die KI-Kompetenz ihrer Nutzer sicher. Für Institute gelten die MaRisk-Anforderungen an Modelle ausdrücklich auch für KI.

Praxistipp: Kennzeichne in deinem Kennzahlenkatalog, welche Kennzahlen gesetzlich oder aufsichtlich gefordert sind. Diese prüfen Abschlussprüfer und Aufsicht zuerst. Mehr dazu: NIS2, DORA und CRA im Überblick

Pain Points: Häufige Fehler bei KPIs und KRIs

Die meisten Probleme entstehen nicht bei der Berechnung, sondern davor und danach: bei der Auswahl, bei den Schwellenwerten und beim Umgang mit Signalen. Die Tabelle ordnet häufige Fehler ihren Folgen und, soweit vorhanden, dem Normbezug zu.

FehlerFolgeLösungNormbezug
Zu viele KennzahlenAnalyse lähmt, Wichtiges geht unterHöchstens zehn für die GeschäftsleitungKein Normbezug; Steuerungsgrundsatz
Risikoarten statt IndikatorenKeine FrühwarnungMessbare KRIs mit SchwellenwertenMaRisk AT 4.3.2 Tz. 2; § 30 Abs. 2 Satz 2 Nr. 6 BSIG
Unrealistische ZieleDemotivation oder UnterforderungZiele aus Strategie, Vorjahr und Planannahmen ableitenKein Normbezug; Steuerungsgrundsatz
Keine SchwellenwerteNiemand weiß, wann zu handeln istGelb- und Rot-Schwellen mit Verantwortlichen§ 1 Abs. 1 StaRUG; MaRisk AT 4.2 Tz. 2
Keine MaßnahmenverfolgungSignale verpuffenMaßnahmenliste mit Wirkungskontrolle§ 1 Abs. 1 StaRUG (Gegenmaßnahmen, unverzügliche Berichterstattung)
Blindes Vertrauen in ZahlenQualitative Faktoren werden übersehenKennzahlen mit Gesprächen, Marktbeobachtung und Erfahrung ergänzenBei KI-Analysen: Art. 4 KI-VO; MaRisk AT 4.3.4 Tz. 1
Veraltete KRIsNeue Risiken wie KI bleiben unerkanntJährliche Überprüfung mit RisikoinventurMaRisk BTO 1.3.1 Tz. 2 (regelmäßige Überprüfung)
Interne Steuerung und Lagebericht widersprechen sichErklärungsbedarf gegenüber Prüfer und AufsichtsratLeistungsindikatoren im Lagebericht mit der internen Steuerung abstimmen§ 289 Abs. 1 Satz 3 HGB

Praxistipp: Prüfe jede Kennzahl, die seit einem Jahr keine Entscheidung ausgelöst hat. Oft kann sie entfallen. Mehr dazu: KPIs im Griff

Quick-Check: Unterstützt dein Kennzahlensystem Entscheidungen?

Der schnelle Einstieg: Wähle den Zustand, der dein Kennzahlensystem am besten beschreibt. Darunter erscheint die passende Empfehlung. Die Auswahl funktioniert ohne Skript und lässt sich per Tastatur bedienen.

Noch keine Auswahl getroffen.

Empfehlung bei Status Offen

Starte klein: Wähle für deine fünf wichtigsten Ziele je einen KPI und einen KRI (Schritt 1), lege Zielwert, Toleranzschwelle und Limit fest (Schritt 2) und benenne je Kennzahl einen Verantwortlichen. Das ist der No-Regret-Einstieg.

Empfehlung bei Status Teilweise

Schließe die Lücke zwischen Signal und Handeln: Eskalationsweg für Gelb und Rot, Maßnahmenliste mit Wirkungskontrolle und Dokumentation (Schritt 4). Prüfe außerdem, welche Kennzahlen gesetzlich oder aufsichtlich gefordert sind.

Empfehlung bei Status Erfüllt

Halte das System aktuell: jährlicher Abgleich mit Risikoinventur und Risikostudien, neue KRIs für KI und Regulierung, Kennzahlen ohne Entscheidung im letzten Jahr streichen, Datenqualität und KI-Einsatz regeln (Schritt 5).

Prüfschema in 14 Fragen

Nr.PrüffeldPrüffrageNormbezugTypischer Befund
1AusgewogenheitGibt es für jedes wichtige Ziel ein Paar aus KPI und KRI?Grundsatz, kein NormbezugZiele ohne zugehörigen Frühindikator
2MessbarkeitSind KRIs messbare Indikatoren und keine Risikoarten?Grundsatz, kein NormbezugRisikoarten als KRI geführt
3SchwellenwerteGibt es Zielwert, Toleranzschwelle und Limit je Kennzahl? Institute: Ist der Risikoappetit festgelegt?MaRisk AT 4.2 Tz. 2Zielwert vorhanden, Schwellen fehlen
4EskalationIst festgelegt, wer bei Gelb informiert wird und wer bei Rot entscheidet?§ 1 Abs. 1 StaRUG; § 91 Abs. 2 AktGZuständigkeit nur informell geregelt
5DokumentationWerden Signale, Entscheidungen und Maßnahmen dokumentiert?§ 1 Abs. 1 StaRUGEntscheidung nicht nachvollziehbar
6LageberichtSind die Leistungsindikatoren im Lagebericht mit der internen Steuerung abgestimmt?§ 289 Abs. 1 Satz 3, Abs. 3 HGBUnterschiedliche Kennzahlen intern und extern
7VergütungSind vergütungsrelevante Kennzahlen langfristig ausgerichtet?§ 87 Abs. 1 Satz 2 AktGKurzfristige Kennzahlen dominieren
8NIS2NIS2-Einrichtungen: Wird die Wirksamkeit der Sicherheitsmaßnahmen mit Kennzahlen bewertet?§ 30 Abs. 2 Satz 2 Nr. 6 BSIGMaßnahmen vorhanden, Wirksamkeit nicht gemessen
9FrühwarnungInstitute: Sind Frühwarnindikatoren abgeleitet und werden sie regelmäßig überprüft?MaRisk AT 4.3.2 Tz. 2; BTO 1.3.1 Tz. 2Indikatoren nie angepasst
10ESGInstitute: Enthält der ESG-Risikoplan quantifizierbare Kennzahlen?§ 26d Abs. 1 KWGZiele ohne Kennzahlen
11RisikolageSind KRIs für Cyber, Betriebsunterbrechung, Regulierung und KI vorhanden?Risikoinventur; Allianz Risk Barometer 2026KI-Risiken ohne Indikator
12KI-EinsatzSind KI-gestützte Analysen gekennzeichnet und von Menschen geprüft?Art. 4 KI-VO; Institute: MaRisk AT 4.3.4KI-Prognosen ungeprüft übernommen
13IFRS 18IFRS-Anwender: Sind extern verwendete Kennzahlen für IFRS 18 vorbereitet?VO (EU) 2026/338Management-Kennzahlen ohne Überleitung
14AktualitätWird die Kennzahlenliste jährlich überprüft?MaRisk BTO 1.3.1 Tz. 2 (analog)Liste seit Jahren unverändert

Lösungsansätze: Fünf No-Regret-Schritte von der Zahl zur Maßnahme

Die folgenden fünf Schritte sind No-Regret-Maßnahmen: Sie lohnen sich unabhängig davon, wie sich Regulierung und Risikolage entwickeln.

Schritt 1: Die richtigen Kennzahlen auswählen

Ausgangspunkt für KPIs sind deine Unternehmensziele. Ausgangspunkt für KRIs ist deine Risikoinventur: Welche Risiken können die Ziele am stärksten gefährden? Vier Prüffragen helfen bei jeder Kennzahl:

  • Relevant: Hängt sie mit einem wichtigen Ziel oder Risiko zusammen?
  • Messbar: Lässt sie sich zuverlässig und regelmäßig ermitteln?
  • Beeinflussbar: Kann jemand im Unternehmen sie durch Maßnahmen verändern?
  • Entscheidungsrelevant: Würdest du anders handeln, wenn sich der Wert ändert?
GeschäftsmodellTypische KPIsTypische KRIs
OnlinehandelUmsatzwachstum, Konversionsrate, KundenzufriedenheitRetourenquote, Anteil Zahlungsausfälle, Ausfallzeiten des Shops
ProduktionLiefertreue, Fehlerquote, AnlageneffizienzLieferanten mit nur einer Bezugsquelle, Lagerreichweite kritischer Teile, Energiepreisentwicklung
DienstleistungAuslastung, Deckungsbeitrag je ProjektFluktuation in Schlüsselfunktionen, Projekte mit Budgetüberschreitung
KreditinstitutZinsergebnis, Cost-Income-RatioFrühwarnindikatoren je Kreditnehmer, Konzentrationen, Liquiditätskennzahlen

Praxistipp: Begrenze dich für die Geschäftsleitung auf höchstens zehn Kennzahlen, davon mindestens die Hälfte KRIs oder Frühindikatoren. Mehr dazu: Anforderungen an ein Kennzahlensystem

Schritt 2: Zielwerte, Benchmarks und Schwellenwerte festlegen

Eine Kennzahl ohne Bezugspunkt ist nur eine Zahl. Unterscheide drei Werte:

WertBedeutungBeispiel Liquiditätsreichweite
ZielwertWas wir erreichen wollen12 Wochen
Toleranzschwelle (gelb)Ab hier wird beobachtet und analysiertunter 8 Wochen
Limit (rot)Ab hier wird eskaliert und gehandeltunter 5 Wochen

Realistische Ziele: Ziele sollten anspruchsvoll, aber erreichbar sein. Leite sie aus Strategie, Vorjahreswerten und Planannahmen ab.

Benchmarks: Vergleiche dich mit Branchenwerten, um blinde Flecken zu erkennen, und achte dabei auf gleiche Definitionen.

Risikoappetit: Für KRIs ergeben sich die Schwellenwerte aus der Frage, wie viel Risiko du bewusst tragen willst. Für Institute ist das Pflicht: Für alle wesentlichen Risiken ist der Risikoappetit festzulegen (MaRisk 10.0 AT 4.2 Tz. 2).

Praxistipp: Lege für jeden KRI fest, wer bei Gelb informiert wird und wer bei Rot entscheidet. Schreibe das in einen Steckbrief. Mehr dazu: KPI Power

Schritt 3: Daten analysieren und richtig interpretieren

  • Trends statt Momentaufnahmen: Ein einzelner Wert sagt wenig. Wichtiger ist die Entwicklung über mehrere Perioden.
  • Ausreißer und Anomalien: Sie können auf Risiken, aber auch auf Datenfehler hinweisen. Prüfe zuerst die Datenqualität.
  • Zusammenhänge: Sinken Kundenzufriedenheit und Liefertreue gleichzeitig, liegt die Ursache oft in der Lieferkette.
  • Korrelation ist keine Kausalität: Zwei Kennzahlen, die sich gleich entwickeln, müssen nicht ursächlich verbunden sein. Prüfe die Ursache, bevor du handelst.
  • Szenarien: Wie entwickeln sich deine KPIs, wenn ein KRI rot wird? Diese Verbindung macht Risiken für die Geschäftsleitung greifbar.

Praxistipp: Ergänze jede Kennzahl im Bericht um einen Satz Kommentar: Was ist passiert, warum, und was schlagen wir vor? Mehr dazu: KPIs für CEO, CFO, COO und CRO

Schritt 4: Vom Signal zur Maßnahme

KPIs und KRIs entfalten ihren Wert erst, wenn aus Signalen Entscheidungen werden. Der Ablauf in sechs Stufen:

  1. Eskalation: Bei Überschreitung einer Schwelle wird der festgelegte Verantwortliche informiert.
  2. Ursachenanalyse: Was steckt hinter der Abweichung?
  3. Maßnahmenplan: Konkrete Maßnahmen mit Verantwortlichen und Terminen.
  4. Entscheidung: Die zuständige Ebene beschließt, bei bestandsgefährdenden Entwicklungen die Geschäftsleitung.
  5. Wirkungskontrolle: Hat die Maßnahme den Wert verbessert? Wenn nicht, nachsteuern.
  6. Dokumentation: Signal, Entscheidung und Maßnahme festhalten.

Rechtlicher Hintergrund: Geschäftsleiter haftungsbeschränkter Unternehmen „wachen fortlaufend über Entwicklungen, welche den Fortbestand der juristischen Person gefährden können“. Erkennen sie solche Entwicklungen, ergreifen sie „geeignete Gegenmaßnahmen“ und berichten den Überwachungsorganen „unverzüglich“ (§ 1 Abs. 1 StaRUG). KRIs mit dokumentierter Eskalation sind dafür der praktische Nachweis.

Praxistipp: Führe eine einfache Maßnahmenliste je rotem KRI mit Datum der Meldung, Entscheidung, Verantwortlichem und Status. Diese Liste ist zugleich dein Nachweis gegenüber Aufsichtsrat, Bank oder Prüfer. Mehr dazu: Krisenmanagement und Resilienz

Schritt 5: Werkzeuge von Excel bis KI-gestützter Analyse

Excel, Power BI oder Tableau sind verbreitete Werkzeuge für Dashboards. Der Trend geht zu integrierten Planungs- und Analyseplattformen mit KI-Funktionen. Laut BARC Planning Survey 26 nutzen 27 % der Unternehmen KI in Planung und Forecasting, nach 11 % im Vorjahr. Spezialisierte Software schneidet dort bei Transparenz und Nachvollziehbarkeit deutlich besser ab als tabellenbasierte Lösungen (8,4 gegenüber 4,7).

Was KI leisten kann:

  • Anomalien in Kennzahlen automatisch erkennen
  • Abweichungen kommentieren
  • Prognosen für KPIs und KRIs berechnen
  • Zusammenhänge zwischen vielen Indikatoren aufdecken

Wo die Grenzen liegen: Der Anteil derjenigen, die Datenqualität als Hürde für KI nennen, stieg laut BARC binnen eines Jahres von 18 % auf 44 %. KI ist nur so gut wie die Daten und Definitionen dahinter. Für Institute gelten die MaRisk-Anforderungen an Modelle ausdrücklich auch für KI (AT 4.3.4 Tz. 1). Alle Unternehmen müssen die KI-Kompetenz ihrer Nutzer sicherstellen (Art. 4 KI-VO).

Praxistipp: Starte mit KI dort, wo die Datenqualität gut ist und Fehler wenig kosten, zum Beispiel bei Kommentarvorschlägen im Monatsbericht. Prognosen für Limits und rote KRIs sollten weiterhin von Menschen geprüft werden. Mehr dazu: Die Zukunft des Controllings mit KI

Fazit: Mit KPIs und KRIs besser entscheiden

KPIs und KRIs zeigen zusammen, ob du deine Ziele erreichst und ob Risiken sie gefährden. Wirksam werden sie erst, wenn sie ausgewählt, mit Schwellenwerten versehen, regelmäßig analysiert und in Maßnahmen übersetzt werden. Wer den Weg von der Zahl zur Entscheidung klar regelt, entscheidet schneller, besser und nachweisbar.

Kernbotschaften

  • Zu jedem wichtigen KPI gehört mindestens ein KRI. Ein KRI ist ein messbarer Indikator, keine Risikoart.
  • Ohne Zielwert, Toleranzschwelle, Limit und benannte Verantwortliche bleibt eine Kennzahl eine Zahl.
  • Die Risikolage 2026 mit Cyber, Betriebsunterbrechungen, Regulierung und KI verlangt neue KRIs.
  • Gesetzgeber und Aufsicht fordern zunehmend messbare Indikatoren, von der Krisenfrüherkennung nach StaRUG über NIS2 bis zu den MaRisk.
  • KI unterstützt die Analyse. Entscheidungen und die Prüfung der Ergebnisse bleiben beim Menschen.

Checkliste

  • Ziele und Risikoinventur aktuell
  • KPI-KRI-Paare für die wichtigsten Ziele
  • Steckbrief je Kennzahl mit Zielwert, Schwellen, Verantwortlichem
  • Eskalationsweg für Gelb und Rot
  • Monatlicher Bericht mit Kommentar und Maßnahmenvorschlag
  • Maßnahmenliste mit Wirkungskontrolle
  • KRIs für Cyber, Lieferkette, Regulierung und KI
  • Pflichtkennzahlen gekennzeichnet
  • Datenqualität geprüft
  • KI-Einsatz geregelt
  • Jährliche Überprüfung

FAQ: Häufige Fragen zu KPIs und KRIs

Was ist der Unterschied zwischen KPI und KRI?

KPIs messen die Zielerreichung. KRIs zeigen frühzeitig, ob sich ein Risiko aufbaut, das diese Ziele gefährdet. KPIs blicken meist zurück, KRIs nach vorn.

Was ist ein KCI?

Ein Key Control Indicator misst, ob eine Kontrolle wirksam ist, zum Beispiel der Anteil fristgerecht durchgeführter Berechtigungsprüfungen.

Wie viele KPIs und KRIs sind sinnvoll?

Für die Geschäftsleitung höchstens zehn Kennzahlen, davon etwa die Hälfte KRIs oder Frühindikatoren. Weitere Kennzahlen gehören in die Bereichsberichte.

Woher kommen die Schwellenwerte für KRIs?

Aus dem Risikoappetit: Wie viel Risiko will dein Unternehmen bewusst tragen? Für Institute ist die Festlegung des Risikoappetits für alle wesentlichen Risiken nach MaRisk AT 4.2 Tz. 2 Pflicht.

Sind KRIs gesetzlich vorgeschrieben?

Nicht allgemein. Die Pflicht zur Krisenfrüherkennung nach § 1 Abs. 1 StaRUG, die Wirksamkeitsbewertung nach § 30 Abs. 2 Satz 2 Nr. 6 BSIG für NIS2-Einrichtungen und die MaRisk für Institute lassen sich ohne Indikatoren aber kaum erfüllen.

Welche KRIs sind 2026 besonders wichtig?

Indikatoren zu Cybervorfällen, Betriebsunterbrechungen, regulatorischen Änderungen und Künstlicher Intelligenz. Diese vier Risiken belegen im Allianz Risk Barometer 2026 in Deutschland die ersten vier Plätze.

Quellenverzeichnis

Primärquellen zuerst. Alle verlinkten Quellen sind amtliche Stellen, abgerufen am 16.10.2026.

  1. BSI: NIS-2 – Bewertung der Wirksamkeit von Maßnahmen – Kennzahlen zur Wirksamkeitsbewertung nach § 30 BSIG, etwa Patch-Quote und Reaktionszeiten.
  2. BaFin: MaRisk 10.0, Rundschreiben 06/2026 (BA) – Risikoappetit (AT 4.2), Frühwarnindikatoren (AT 4.3.2, BTO 1.3.1), Modelle und KI (AT 4.3.4).
  3. EUR-Lex: Verordnung (EU) 2026/338 (IFRS 18) – Rechtsgrundlage für IFRS 18 ab Geschäftsjahren ab 01.01.2027.
  4. ESMA: Public Statement zu IFRS 18, Februar 2026 (PDF) – Angaben zu Management-defined Performance Measures und Überleitung.
  5. EUR-Lex: Delegierte Verordnung (EU) 2026/1563 – Überarbeitete ESRS, verbindlich ab Geschäftsjahr 2027.
  6. EUR-Lex: Richtlinie (EU) 2023/970 – Entgelttransparenz; Entgeltberichte ab 150 Beschäftigten, Art. 9.
  7. AI Act Service Desk der EU-Kommission: Art. 4 KI-VO – Pflicht zur KI-Kompetenz.
  8. AI Act Service Desk der EU-Kommission: Anhang III KI-VO – Hochrisiko-Anwendungen, Nr. 4: Beschäftigung und Leistungsbewertung.

Gesetzestexte des Bundes: § 289 HGB, § 1 StaRUG, §§ 87 und 91 AktG, § 30 BSIG und § 26d KWG sind in der jeweils geltenden Fassung über das Portal gesetze-im-internet.de des Bundesministeriums der Justiz abrufbar.

Studien: Die Angaben zur Risikolage stammen aus dem Allianz Risk Barometer 2026, die Angaben zu KI-Vorfällen aus dem IBM Cost of a Data Breach Report 2025 und die Angaben zu KI in der Planung aus dem BARC Planning Survey 26. Es handelt sich um keine amtlichen Quellen; sie werden deshalb nicht verlinkt.

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Achim Schulz
Über den Autor

Achim Schulz

Geschäftsführer S+P Compliance & S+P Unternehmerforum · langjährige Vorstands- & Geschäftsführungserfahrung

Achim Schulz kennt die Führungsebene aus eigener Verantwortung – langjährig als Vorstand bei Banken und Geschäftsführer sowie als Interim-Manager in Industrieunternehmen. Diese Doppelperspektive aus Finanzsektor und Realwirtschaft prägt seine Beiträge für CEO, COO und CFO. Er kennt das Zusammenspiel von Geschäftsleitung, Aufsichtsrat und Gesellschaftern aus der Praxis und übersetzt strategische wie aufsichtsrechtliche Anforderungen in umsetzbare, haftungssichere Führungsentscheidungen – praxisnah und auf Augenhöhe mit dem Management.

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