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Fachbeitrag Geldwäscheprävention

Verdachtsmeldung nach § 43 GwG und Strafanzeige: Leitfaden 2026/2027

Rechtsstand: Oktober 2026 · Lesezeit: ca. 18 Minuten · Autor: Achim Schulz

Management Summary

Eine Verdachtsmeldung nach § 43 GwG ist keine Strafanzeige und kein Vorwurf. Sie ist eine verwaltungsrechtliche Pflicht, die unterhalb des strafprozessualen Anfangsverdachts ansetzt. Wer zu spät, unvollständig oder gar nicht meldet, riskiert ein Bußgeld; im ungünstigen Fall kommt der Vorwurf der leichtfertigen Geldwäsche nach § 261 Abs. 6 StGB hinzu.

Der Rahmen verschiebt sich in drei Stufen. Seit März 2026 gilt die GwG-Meldeverordnung (GwGMeldV) mit Pflichtangaben in goAML. Der Bundestag berät das Gesetz zur Stärkung der Zollverwaltung und der Bekämpfung der Finanzkriminalität (ZFG), das die Meldeschwelle neu formuliert; die erste Lesung fand im Oktober 2026 statt, ein Inkrafttreten im Januar 2027 ist geplant, aber nicht gesichert. Ab Juli 2027 gilt mit Art. 69 bis 73 AMLR erstmals ein EU-einheitliches Melderegime.

Der Druck wächst auch von der Fallzahl her: Die FIU hat 2025 insgesamt 374.693 Verdachtsmeldungen erhalten, nach 265.708 im Jahr 2024 – ein Plus von rund 41 Prozent. Wer Meldungen bewertet, braucht dafür Sachkunde und einen belastbaren Prozess.

Dieser Beitrag zeigt Ihnen, wann Sie melden müssen, wie Sie richtig melden, was danach gilt und wann zusätzlich eine Strafanzeige in Betracht kommt. Er bleibt der Hub für Meldeschwelle, Meldeweg, Stillhalten und Strafanzeige; die Rückmeldung der FIU (§ 41 GwG) und Details zum Verbot der Informationsweitergabe behandeln eigene Beiträge.

Drei Rechtsstände im Überblick

RechtsstandInhaltZeitpunkt
Geltend§§ 43 bis 49 GwG, § 261 StGB (Fassung seit 18.03.2021), BaFin-Auslegungs- und Anwendungshinweise (AuA) Allgemeiner Teil (Stand Juli 2025) Kap. 10, Orientierungshilfe BaFin/FIU (geändert 28.11.2025), GwGMeldVGwGMeldV seit März 2026
ÜbergangZFG-Entwurf (BT-Drs. 21/8282): neue Formulierung der Meldeschwelle in § 43 Abs. 1 Nr. 1, Bußgeld für fehlende Registrierung (§ 56 Abs. 1 Nr. 69a), erweiterte FIU-Befugnis in § 40; AMLA-ITS zum MeldeformatZFG: erste Lesung im Oktober 2026, Inkrafttreten im Januar 2027 geplant; ITS: Übermittlung an die Kommission bis November 2026
KünftigArt. 69 bis 73 AMLR (Verordnung (EU) 2024/1624); nationales Anpassungsgesetz noch nicht vorgelegtab Juli 2027

Dieser Beitrag ersetzt keine Rechtsberatung.

Verdachtsmeldung nach § 43 GwG: Wann besteht die Meldepflicht?

Geltendes Recht

Nach § 43 Abs. 1 Satz 1 GwG müssen Verpflichtete unverzüglich melden, wenn Tatsachen darauf hindeuten, dass

  • Nr. 1: ein Vermögensgegenstand, der mit einer Geschäftsbeziehung, einem Maklergeschäft oder einer Transaktion im Zusammenhang steht, aus einer strafbaren Handlung stammt, die eine Vortat der Geldwäsche darstellen könnte,
  • Nr. 2: ein Geschäftsvorfall, eine Transaktion oder ein Vermögensgegenstand im Zusammenhang mit Terrorismusfinanzierung steht, oder
  • Nr. 3: der Vertragspartner seine Pflicht nach § 11 Abs. 6 Satz 3 GwG nicht erfüllt hat, offenzulegen, ob er für einen wirtschaftlich Berechtigten handelt.

Die Meldepflicht gilt unabhängig von der Höhe der Transaktion. Sie erfasst auch abgelehnte, noch nicht ausgeführte und bereits durchgeführte Transaktionen sowie die Anbahnung einer Geschäftsbeziehung (BaFin-AuA, Kap. 10.3).

Nr. 3 ist eine eigenständige Meldepflicht: Sie besteht unabhängig von Nr. 1 und 2 und unabhängig von der Beendigungspflicht nach § 10 Abs. 9 GwG (BaFin-AuA, Kap. 10.4).

Übergang

Der ZFG-Entwurf will Nr. 1 an eine „rechtswidrige Tat im Sinne des § 261 des Strafgesetzbuches“ anknüpfen und damit den Wortlaut an den All-Crimes-Ansatz des § 261 StGB angleichen. Geplant ist das für Januar 2027.

Künftiges Recht

Art. 69 Abs. 1 AMLR verlangt eine Meldung, wenn der Verpflichtete weiß, vermutet oder berechtigten Grund zu der Annahme hat, dass Mittel oder Tätigkeiten aus kriminellen Tätigkeiten stammen oder mit Terrorismusfinanzierung zusammenhängen. Das gilt unabhängig vom Betrag, ausdrücklich auch bei versuchten Transaktionen und wenn die Kundensorgfaltspflichten nicht erfüllt werden können.

Praxis-Tipp Ergänzen Sie schon jetzt Ihre Arbeitsanweisung um den Fall „Kundensorgfalt nicht durchführbar“ als ausdrücklichen Prüfanlass für eine Meldung. Nach der AMLR wird er zum Regeltatbestand.

Meldeschwelle: Verdacht ist kein Anfangsverdacht

Geltendes Recht

Der Verdachtsgrad des § 43 GwG liegt unterhalb des Anfangsverdachts nach § 152 Abs. 2 i. V. m. § 160 StPO. Erforderlich, aber auch ausreichend sind Tatsachen, die auf einen meldepflichtigen Sachverhalt hindeuten. Gewissheit über eine Vortat ist nicht nötig.

  • Sie müssen weder die Tatbestandsmerkmale des § 261 StGB prüfen noch den Sachverhalt „ausermitteln“ oder rechtlich subsumieren.
  • Bewertet wird nach allgemeiner und beruflicher Erfahrung unter dem Blickwinkel der Ungewöhnlichkeit und Auffälligkeit im Geschäftskontext (§ 15 Abs. 6 GwG).
  • Sie haben einen eng begrenzten Beurteilungsspielraum; FIU-Typologiepapiere können ihn im Einzelfall stark reduzieren.
  • Im Zweifel ist zu melden (BaFin-AuA, Kap. 10.3).
  • Besondere Aufmerksamkeit verlangen Transaktionen, die im Vergleich besonders komplex oder groß sind, ungewöhnlich ablaufen oder keinen offensichtlichen wirtschaftlichen oder rechtmäßigen Zweck haben (§ 15 Abs. 3 Nr. 3 GwG).

Was im Verdachtsfall unzulässig ist

  • eine Befragung des Kunden zur Mittelherkunft oder Mittelverwendung (Verdunkelungsgefahr, § 47 Abs. 1 GwG),
  • eine eigene Bewertung der Glaubwürdigkeit des Betroffenen (so OLG Frankfurt, Beschluss vom 10.04.2018 – 2 Ss-OWi 1059/17).

Hilfreich sind das Eckpunktepapier von FIU, BaFin und AFCA zu Sachverhalten, die grundsätzlich keine Meldepflicht auslösen, sowie die FIU-Typologiepapiere im geschützten Bereich der FIU-Website.

Künftiges Recht

Die AMLR-Formel „know, suspect or have reasonable grounds to suspect“ ist ebenfalls niedrigschwellig. Die AMLA erstellt nach Art. 69 Abs. 5 AMLR Leitlinien zu Indikatoren verdächtiger Tätigkeiten.

Praxis-Tipp Halten Sie in jedem Prüfvermerk fest, welches Typologiepapier oder welcher Indikator geprüft wurde. Das macht den engen Beurteilungsspielraum nachvollziehbar.

Unverzüglich und vollständig: Frist und Inhalt

Geltendes Recht

Unverzüglich heißt ohne schuldhaftes Zögern (§ 121 BGB). Nach der gemeinsamen Orientierungshilfe von BaFin und FIU ist die Meldung regelmäßig am gleichen, spätestens am folgenden Werktag nach Bejahung des Verdachts abzugeben. Auch die vorgelagerte interne Beurteilung durch die Beschäftigten muss ohne schuldhafte Verzögerung erfolgen.

Vollständig ist eine Meldung, wenn alle bekannten meldungsrelevanten Tatsachen in den goAML-Formfeldern beziehungsweise im XML-Format enthalten sind – nicht nur in Anlagen.

Geltendes Recht

Seit März 2026: GwGMeldV

  • Meldungen sind ausschließlich elektronisch über goAML abzugeben, entweder im Portal oder als XML-Datei.
  • Die Verordnung legt Pflichtangaben fest, etwa zu Blockchain-Transaktionen oder zu Grundstücken bei Immobilien.
  • Unvollständige Meldungen können technisch zurückgewiesen werden.
Künftiges Recht

Die AMLA legt nach Art. 69 Abs. 3 AMLR in einem ITS EU-weite Meldevorlagen fest: gemeinsame und tätigkeitsspezifische Datenpunkte, maschinenlesbar, Übermittlung über die Plattformen der FIU, phasenweise Einführung. Auf Auskunftsersuchen der FIU ist binnen fünf Arbeitstagen zu antworten; die FIU kann die Frist in dringenden Fällen auf unter 24 Stunden verkürzen (Art. 69 Abs. 1 UAbs. 3 AMLR).

Praxis-Tipp Messen Sie die Zeit von der internen Meldung bis zur goAML-Eingangsbestätigung (§ 41 Abs. 1 GwG). Diese Kennzahl gehört in den Jahresbericht des Geldwäschebeauftragten.

Wer meldet? Interne Organisation

FunktionAufgabeNormbezug
BeschäftigteAuffälligkeiten ohne schuldhafte Verzögerung intern melden; keine eigene Verdachtsmeldung, wenn die Meldestelle die interne Meldung nicht für meldepflichtig hält. Möglich bleibt die Nutzung der internen oder der BaFin-Hinweisgeberstelle.BaFin-AuA, Kap. 10.8.3
Geldwäschebeauftragter und StellvertretungBeurteilung und Meldung an die FIU; Beantwortung von FIU-Ersuchen; Begründung bei Nichtmeldung dokumentieren; bei beabsichtigter Meldung nicht an Weisungen der Geschäftsleitung gebunden.BaFin-AuA, Kap. 10.6; § 7 Abs. 5 Satz 6, § 30 Abs. 3, § 8 Abs. 1 Nr. 4 GwG
GeschäftsleitungMeldeweg ohne Vorgesetztenfilter sicherstellen; goAML-Registrierung veranlassen; keine benachteiligenden Folgen für Meldende zulassen.§ 45 Abs. 1 Satz 2, § 49 Abs. 4 GwG
Geltendes Recht
  • Beabsichtigt der Geldwäschebeauftragte eine Meldung oder beantwortet er ein FIU-Ersuchen nach § 30 Abs. 3 GwG, unterliegt er insoweit nicht dem Weisungsrecht der Geschäftsleitung (§ 7 Abs. 5 Satz 6 GwG).
  • Ein Vorgesetztenfilter – interne Meldungen gehen erst an Vorgesetzte, die nur bei geteilter Einschätzung weiterleiten – ist unzulässig.
  • Intern gemeldete Sachverhalte sind fünf Jahre aufzubewahren.
  • Sieht die Meldestelle von einer Meldung ab, sind die Gründe nachvollziehbar zu dokumentieren (§ 8 Abs. 1 Nr. 4 GwG) und fünf Jahre aufzubewahren (§ 8 Abs. 4 GwG). Die Gründe sollen dem intern Meldenden bekanntgegeben werden.
  • Jeder Verpflichtete muss sich unabhängig von einer Meldung bei goAML registrieren (§ 45 Abs. 1 Satz 2 GwG).
  • Auskunftsersuchen der Staatsanwaltschaft können eine erneute Meldepflicht auslösen, wenn sie neue Tatsachen enthalten.
Übergang

Das ZFG sieht mit § 56 Abs. 1 Nr. 69a GwG ein eigenes Bußgeld für die fehlende goAML-Registrierung vor.

Künftiges Recht

Die Meldung übermittelt der Compliance-Officer nach Art. 11 Abs. 2 AMLR an die FIU des Sitzmitgliedstaats (Art. 69 Abs. 6 AMLR). Nach Art. 18 Abs. 3 AMLR ist die Meldung nicht an Dritte auslagerbar.

Praxis-Tipp Prüfen Sie Ihre goAML-Registrierung jetzt – auch wenn Sie noch nie gemeldet haben.

Nach der Meldung: Stillhalten

Geltendes Recht

Eine gemeldete Transaktion darf frühestens durchgeführt werden, wenn die Zustimmung der FIU oder der Staatsanwaltschaft vorliegt oder der dritte Werktag nach vollständiger Übermittlung verstrichen ist, ohne dass die Durchführung untersagt wurde (§ 46 Abs. 1 GwG). Samstag gilt nicht als Werktag. Feiertage am Sitz des Verpflichteten oder der FIU verschieben das Fristende.

Eilfall (§ 46 Abs. 2 GwG): Ist ein Aufschub nicht möglich oder würde er die Verfolgung behindern, darf ausgeführt werden; die Meldung ist unverzüglich nachzuholen. Drängt sich der Verdacht geradezu auf – etwa bei einer im Hinblick auf Terrorismusfinanzierung gelisteten Person –, soll nicht nach § 46 Abs. 2 ausgeführt werden (BaFin-AuA, Kap. 10.8.1).

Übergang

Nach dem ZFG soll die FIU Transaktionen nach § 40 GwG künftig auch bei Bezügen zu Außenwirtschafts- und Kriegswaffenkontrollrecht anhalten können.

Künftiges Recht

Art. 71 Abs. 1 AMLR: Transaktionen sind zurückzuhalten, bis gemeldet und etwaige Weisungen befolgt sind. Kommt binnen drei Arbeitstagen keine Gegenweisung, darf nach Risikobewertung ausgeführt werden. Art. 71 Abs. 2 AMLR: Im Eilfall ist die FIU unmittelbar nach der Ausführung zu informieren.

Praxis-Tipp Dokumentieren Sie nach der AMLR künftig auch die Risikobewertung vor der Ausführung nach Fristablauf – das bloße Verstreichen der Frist reicht dann nicht mehr als Begründung.

Schutz der Meldenden und Tipping-off-Verbot

Geltendes Recht
  • Wer meldet, kann zivil-, straf- oder disziplinarrechtlich nicht verantwortlich gemacht werden, sofern die Meldung nicht vorsätzlich oder grob fahrlässig unwahr ist (§ 48 Abs. 1 GwG). Das gilt auch für interne Meldungen und Antworten auf FIU-Ersuchen (§ 48 Abs. 2 GwG).
  • Meldenden dürfen keine benachteiligenden Folgen im Beschäftigungsverhältnis entstehen (§ 49 Abs. 4 GwG).
  • Sie dürfen Kunden und Dritte nicht über eine beabsichtigte oder erstattete Meldung, ein Ermittlungsverfahren oder ein FIU-Ersuchen informieren (§ 47 Abs. 1 GwG). Ein Verstoß ist bußgeldbewehrt (§ 56 Abs. 2 Nr. 7 GwG).
  • Hält die Meldestelle eine interne Meldung nicht für meldepflichtig, erstattet der Beschäftigte keine eigene Verdachtsmeldung. Er kann aber die interne Hinweisgeberstelle oder die BaFin-Hinweisgeberstelle nutzen (BaFin-AuA, Kap. 10.8.3); ergänzend gilt das Hinweisgeberschutzgesetz.
Künftiges Recht

Art. 72 AMLR sieht eine Haftungsfreistellung bei Meldung in gutem Glauben vor, auch ohne genaue Kenntnis der Vortat. Art. 73 AMLR regelt das Tipping-off-Verbot mit Ausnahmen für Behörden, die gruppeninterne Weitergabe, Berufsträgernetzwerke und Fälle derselben Transaktion bei mehreren Verpflichteten in der EU.

Verdachtsmeldung und Strafanzeige: zwei getrennte Wege

Geltendes Recht

Die Verdachtsmeldung geht nur an die FIU. Eine Pflicht zur Strafanzeige folgt aus ihr nicht. Eine strafrechtliche Anzeigepflicht besteht nur für die in § 138 StGB genannten geplanten schweren Straftaten; Geldwäsche gehört nicht dazu. Erstatten Sie zusätzlich Strafanzeige oder stellen Sie einen Strafantrag, müssen Sie dies der FIU mit der Meldung mitteilen (§ 43 Abs. 1 Satz 2 GwG).

Straffreiheit nach § 261 Abs. 8 StGB

Wegen Geldwäsche nach § 261 Abs. 1 bis 6 StGB wird nicht bestraft, wer die Tat freiwillig bei der zuständigen Behörde anzeigt oder anzeigen lässt, sofern die Tat noch nicht entdeckt war und er dies wusste oder damit rechnen musste, und wer die Sicherstellung des Gegenstands bewirkt. Prüfen Sie den genauen Wortlaut am aktuellen Gesetzestext.

§ 43 Abs. 4 GwG: Enthält die Verdachtsmeldung die für eine solche Anzeige erforderlichen Angaben, gilt sie zugleich als Selbstanzeige im Sinne von § 261 Abs. 8 StGB. Die Meldepflicht schließt die Freiwilligkeit nicht aus.

Leichtfertige Geldwäsche (§ 261 Abs. 6 StGB): Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder Geldstrafe. Nach Auffassung der BaFin liegt kein leichtfertiges Nichterkennen vor, wenn Beschäftigte ordnungsgemäß intern gemeldet haben beziehungsweise der Geldwäschebeauftragte an die FIU gemeldet hat.

Künftiges Recht

Die AMLR regelt die Strafbarkeit nicht. § 261 StGB und die Selbstanzeige-Fiktion bleiben nationales Recht; ob § 43 Abs. 4 GwG im AMLR-Anpassungsgesetz erhalten bleibt, ist offen.

Praxis-Tipp Formulieren Sie Verdachtsmeldungen so konkret, dass sie die Anforderungen an eine Anzeige erfüllen. Das sichert die Wirkung des § 43 Abs. 4 GwG.

Kundenbeziehung nach der Meldung

Geltendes Recht
  • Mit der Meldung liegt grundsätzlich ein höheres Risiko nach § 15 Abs. 2 Satz 1 GwG vor.
  • Meldungen nach Nr. 1 und 3: Ohne weitere Auffälligkeiten und ohne FIU-Rückmeldung zur weiteren Analyse binnen 21 Kalendertagen ist eine Hochstufung allein wegen der Meldung danach nicht mehr erforderlich. Bis dahin gilt mindestens verstärktes Monitoring.
  • Meldungen nach Nr. 2 (Terrorismusfinanzierung): verstärkte Sorgfaltspflichten mindestens sechs Monate ab Meldung oder späterer behördlicher Nachfrage.
  • Die Meldung allein erzwingt keinen Abbruch der Geschäftsbeziehung. Vor einem Abbruch empfiehlt die BaFin, FIU und Strafverfolgungsbehörde zu informieren. Abbrüche sind zu dokumentieren.
  • Bei Ersuchen von BfV, BND oder MAD sind nachteilige Maßnahmen allein deswegen verboten (BaFin-AuA, Kap. 10.10).
Künftiges Recht

Die AMLR enthält keine 21-Tage-Regel. Ob die BaFin sie nach Juli 2027 fortführt, bleibt abzuwarten.

Bußgelder und FIU-Zahlen

  • Meldung nicht, nicht richtig, nicht vollständig oder nicht rechtzeitig: § 56 Abs. 1 Satz 1 Nr. 69 GwG.
  • Transaktion entgegen § 46 Abs. 1 durchgeführt: § 56 Abs. 2 Nr. 6 GwG.
  • Tipping-off: § 56 Abs. 2 Nr. 7 GwG.
  • Rahmen für schwerwiegende, wiederholte oder systematische Verstöße: bis 1 Mio. Euro oder das Zweifache des wirtschaftlichen Vorteils; bei Instituten als juristische Personen bis 5 Mio. Euro oder 10 Prozent des Gesamtumsatzes (§ 56 Abs. 3 GwG).

Zahlen: FIU-Jahresbericht 2025

374.693

Verdachtsmeldungen im Jahr 2025 (2024: 265.708)

rund 3,2 Mio.

gemeldete Transaktionen

67.024

Analyseberichte an Strafverfolgungsbehörden

Fahrplan 2026/2027

ZeitpunktEreignisIhre Aufgabe
seit März 2026GwGMeldV in KraftPflichtfelder in goAML-Prozess und XML-Schnittstelle abbilden
Oktober 2026Erste Lesung ZFG im BundestagGesetzgebung beobachten
bis November 2026AMLA-ITS Meldeformat an die KommissionDatenpunkte mit Ihrem Kern- und Monitoringsystem abgleichen
Januar 2027 (geplant)ZFG: neue Meldeschwelle, Bußgeld für fehlende RegistrierungArbeitsanweisung und Schulung anpassen
bis Juli 2027AMLA-Leitlinien zu IndikatorenIndikatorenkatalog aktualisieren
Juli 2027Art. 69 bis 73 AMLR geltenFristen (fünf und drei Arbeitstage), Risikobewertung vor Ausführung und Compliance-Officer-Rolle umsetzen

Pain Points in der Praxis

Die folgenden Schwachstellen lassen sich jeweils auf eine konkrete Norm zurückführen. Sie sind zugleich die Prüffelder des Quick-Checks.

Vorgesetztenfilter im Meldeweg

Interne Meldungen gehen erst an Vorgesetzte, die nur bei geteilter Einschätzung weiterleiten. Das ist unzulässig.

§ 7 Abs. 5 Satz 6 GwG

Frist nur als „unverzüglich“ formuliert

Ohne Konkretisierung bleibt offen, wann die Frist läuft. Die Orientierungshilfe nennt regelmäßig den gleichen, spätestens den folgenden Werktag.

§ 43 Abs. 1 GwG; § 121 BGB

Nichtmeldung ohne Begründung

Sieht die Meldestelle von einer Meldung ab, sind die Gründe nachvollziehbar zu dokumentieren und fünf Jahre aufzubewahren.

§ 8 Abs. 1 Nr. 4, Abs. 4 GwG

goAML-Registrierung erst im Ernstfall

Die Registrierung ist unabhängig von einer Meldung vorgeschrieben. Das ZFG sieht ein eigenes Bußgeld dafür vor.

§ 45 Abs. 1 Satz 2 GwG

Rückfragen beim Kunden

Eine Befragung zur Mittelherkunft im Verdachtsfall ist nicht geboten; das Tipping-off-Verbot ist bußgeldbewehrt.

§ 47 Abs. 1, § 56 Abs. 2 Nr. 7 GwG

Stillhaltefrist falsch gerechnet

Samstag ist kein Werktag; Feiertage am Sitz des Verpflichteten oder der FIU verschieben das Fristende.

§ 46 Abs. 1 GwG

Quick-Check: Wie belastbar ist Ihr Meldeprozess?

Ordnen Sie Ihr Haus anhand der Prüffelder ein. Jede Zeile zeigt, woran eine Lücke zu erkennen ist.

PrüffeldPrüffrageNormbezugBefund bei Lücke
RegistrierungSind Sie unabhängig von einer Meldung in goAML registriert, und sind die Zugänge aktuell?§ 45 Abs. 1 Satz 2 GwGRegistrierung wird erst im Verdachtsfall versucht
MeldewegGehen interne Meldungen ohne Vorgesetztenfilter direkt an die Meldestelle?§ 7 Abs. 5 Satz 6 GwG; BaFin-AuA, Kap. 10.6Vorgesetzte entscheiden über die Weiterleitung
FristSteht „gleicher, spätestens folgender Werktag“ in der Arbeitsanweisung?§ 43 Abs. 1 GwG; § 121 BGBNur „unverzüglich“ ohne Konkretisierung
VollständigkeitSind die Pflichtfelder der GwGMeldV im Prozess und in der XML-Schnittstelle abgebildet?GwGMeldVAngaben stehen nur in Anlagen
NichtmeldungWerden Gründe dokumentiert und fünf Jahre aufbewahrt?§ 8 Abs. 1 Nr. 4, Abs. 4 GwGEntscheidung ohne nachvollziehbare Begründung
StillhaltenBerücksichtigt der Feiertagskalender die Sitze des Verpflichteten und der FIU?§ 46 Abs. 1 GwGSamstag wird als Werktag gezählt
Tipping-offIst der Kundenkontakt geschult?§ 47 Abs. 1 GwGRückfragen zur Mittelherkunft im Verdachtsfall
Nach der MeldungIst die Risikoeinstufung nach 21 Tagen beziehungsweise sechs Monaten geregelt?§ 15 Abs. 2 GwG; BaFin-AuA, Kap. 10.10Hochstufung oder Rückstufung nicht dokumentiert
StrafanzeigeIst die Mitteilung an die FIU bei freiwilliger Anzeige geregelt?§ 43 Abs. 1 Satz 2 GwGAnzeige ohne Mitteilung an die FIU
AMLRIst die Überleitung von Art. 69 bis 73 AMLR im Projektplan verankert?Art. 69 bis 73 AMLRKein Projektplan, keine Zuständigkeit

No-Regret-Maßnahmen für Ihr Unternehmen

Diese Maßnahmen zahlen unter geltendem Recht, nach dem ZFG und unter der AMLR gleichermaßen ein. Entscheidend ist, dass die Beteiligten Verdachtsmomente erkennen und einordnen können; dafür braucht es Sachkunde und regelmäßige Schulung.

Arbeitsanweisung erweitern

Nehmen Sie den Fall „Kundensorgfalt nicht durchführbar“ als Prüfanlass für eine Meldung auf.

AMLR-ready

Prüfvermerk standardisieren

Halten Sie fest, welches Typologiepapier oder welcher Indikator geprüft wurde.

Beurteilungsspielraum

Meldezeit messen

Erfassen Sie die Zeit von der internen Meldung bis zur goAML-Eingangsbestätigung.

Jahresbericht

Registrierung prüfen

Stellen Sie sicher, dass die goAML-Registrierung besteht und die Zugänge aktuell sind.

§ 45 GwG

Risikobewertung dokumentieren

Dokumentieren Sie künftig die Risikobewertung vor der Ausführung nach Fristablauf.

Art. 71 AMLR

Meldungen konkret fassen

Nehmen Sie alle Angaben auf, die für eine Anzeige erforderlich sind.

§ 43 Abs. 4 GwG

Fazit: Verdachtsmeldung nach § 43 GwG sicher umsetzen

Die Verdachtsmeldung nach § 43 GwG bleibt eine niedrigschwellige, schnelle und vollständige Pflicht. Fünf Kernbotschaften:

  • Gemeldet wird bei Tatsachen, die auf einen meldepflichtigen Sachverhalt hindeuten – nicht erst bei einem Anfangsverdacht. Im Zweifel ist zu melden.
  • Die Frist ist praktisch kurz: regelmäßig der gleiche, spätestens der folgende Werktag nach Bejahung des Verdachts. Die Meldung erfolgt ausschließlich über goAML und mit den Pflichtangaben der GwGMeldV.
  • Verdachtsmeldung und Strafanzeige sind getrennte Wege. Eine vollständige Meldung kann zugleich als Selbstanzeige nach § 261 Abs. 8 StGB gelten (§ 43 Abs. 4 GwG).
  • Nach der Meldung gelten Stillhalten, Tipping-off-Verbot und eine angepasste Risikoeinstufung.
  • Beobachten Sie ZFG und AMLR: Schon jetzt lassen sich Arbeitsanweisung, Datenpunkte und Schulung darauf ausrichten.

Häufige Fragen zur Verdachtsmeldung

Muss ich nach einer Verdachtsmeldung auch Strafanzeige erstatten?

Nein. Die Verdachtsmeldung geht an die FIU. Eine strafrechtliche Anzeigepflicht besteht nur für die in § 138 StGB genannten geplanten schweren Straftaten; Geldwäsche gehört nicht dazu. Erstatten Sie freiwillig Strafanzeige oder stellen Sie einen Strafantrag, teilen Sie dies der FIU mit der Meldung mit (§ 43 Abs. 1 Satz 2 GwG).

Schützt mich die Verdachtsmeldung vor Strafe?

Enthält die Meldung die für eine Anzeige erforderlichen Angaben, gilt sie zugleich als Selbstanzeige nach § 261 Abs. 8 StGB (§ 43 Abs. 4 GwG). Zusätzlich schützt § 48 GwG vor zivil-, straf- und disziplinarrechtlicher Verantwortung, sofern nicht vorsätzlich oder grob fahrlässig unwahr gemeldet wurde.

Darf ich den Kunden vor der Meldung befragen?

Nicht zum Verdacht selbst. Nach den BaFin-Auslegungs- und Anwendungshinweisen ist eine Befragung zur Mittelherkunft oder Mittelverwendung im Verdachtsfall wegen der Verdunkelungsgefahr nicht geboten. Kunden und Dritte dürfen Sie außerdem nicht über eine beabsichtigte oder erstattete Meldung informieren (§ 47 Abs. 1 GwG).

Wie lange darf ich die Transaktion anhalten?

Eine gemeldete Transaktion darf frühestens durchgeführt werden, wenn die Zustimmung der FIU oder der Staatsanwaltschaft vorliegt oder der dritte Werktag nach vollständiger Übermittlung der Meldung verstrichen ist, ohne dass die Durchführung untersagt wurde (§ 46 Abs. 1 GwG). Samstage zählen nicht als Werktag.

Was ändert die AMLR?

Ab Juli 2027 gelten Art. 69 bis 73 AMLR: eine EU-einheitliche Meldepflicht, ein einheitliches Meldeformat, eine Frist von fünf Arbeitstagen für Auskunftsersuchen der FIU und das Zurückhalten der Transaktion mit einer Drei-Arbeitstage-Frist, nach der Sie nur nach Risikobewertung ausführen dürfen. Die Strafbarkeit regelt die Verordnung nicht; § 261 StGB bleibt nationales Recht.

Darf ich die Verdachtsmeldung auslagern?

Nach Art. 18 Abs. 3 AMLR ist die Meldung ab Juli 2027 nicht an Dritte auslagerbar. Sie wird vom Compliance-Officer nach Art. 11 Abs. 2 AMLR an die FIU des Sitzmitgliedstaats übermittelt (Art. 69 Abs. 6 AMLR). Für beaufsichtigte Institute sind daneben die aufsichtsrechtlichen Auslagerungsanforderungen im Einzelfall zu prüfen.

Quellenverzeichnis

Primärquellen und amtliche Stellen, nach Rang geordnet. Gesetzestexte (GwG, StGB, StPO, BGB) prüfen Sie bitte am amtlichen Wortlaut.

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Achim Schulz
Über den Autor

Achim Schulz

Geschäftsführer S+P Compliance & S+P Unternehmerforum · langjährige Vorstands- & Geschäftsführungserfahrung

Achim Schulz kennt die Führungsebene aus eigener Verantwortung – langjährig als Vorstand bei Banken und Geschäftsführer sowie als Interim-Manager in Industrieunternehmen. Diese Doppelperspektive aus Finanzsektor und Realwirtschaft prägt seine Beiträge für CEO, COO und CFO. Er kennt das Zusammenspiel von Geschäftsleitung, Aufsichtsrat und Gesellschaftern aus der Praxis und übersetzt strategische wie aufsichtsrechtliche Anforderungen in umsetzbare, haftungssichere Führungsentscheidungen – praxisnah und auf Augenhöhe mit dem Management.

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