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Fachbeitrag Vertrieb

So funktioniert Sensemaking im Vertrieb: Kunden Orientierung geben

Rechtsstand: Oktober 2026Lesezeit: 16 MinutenAutor: Achim Schulz

Management Summary

Sensemaking im Vertrieb heißt, Kunden nicht noch mehr Informationen zu liefern, sondern ihnen zu helfen, die vorhandenen Informationen zu ordnen, zu bewerten und daraus eine Entscheidung abzuleiten, die sie später nicht bereuen. Geschäftskunden fehlt es selten an Informationen. Sie haben zu viele davon, und sie widersprechen sich.

Nach einer Gartner-Befragung vom Spätsommer 2025 nutzen Einkäufer bei einem Kauf im Durchschnitt sieben Informationsquellen, 45 Prozent setzen generative KI ein. 51 Prozent sagen, bei generativer KI eher auf irreführende Informationen zu stoßen, 49 Prozent sagen das über Verkäufer.

Dieser Beitrag zeigt, woher der Begriff stammt, warum er 2026/2027 an Bedeutung gewinnt, wie Sie ihn in vier Schritten umsetzen und woran Sie den Erfolg messen. Er trennt dabei Methode und Recht: Die Methode stützt sich auf Weick und auf Gartner-Befragungen, der Rechtsrahmen auf die Normen, die für Ihr Unternehmen gelten.

Wer Gespräche mit KI auswertet, bewegt sich zwischen KI-Verordnung, Strafrecht, Datenschutz und Mitbestimmung. Zwei Punkte vorab: Emotionserkennung bei Mitarbeitenden ist seit 02.02.2025 verboten (Art. 5 Abs. 1 Buchst. f KI-VO), und die Aufzeichnung eines Gesprächs braucht die Einwilligung aller Beteiligten (§ 201 StGB).

1. Was Sensemaking ist

Der Begriff geht auf den US-amerikanischen Organisationspsychologen Karl E. Weick zurück. Er beschreibt Sensemaking als den Prozess, in dem Menschen und Organisationen unklaren Situationen einen Sinn geben, um handeln zu können. Grundlegend ist sein Buch „Sensemaking in Organizations“ von 1995. Weick nennt sieben Merkmale:

  • Identität: Wie wir eine Lage deuten, hängt davon ab, wer wir sind und sein wollen.
  • Rückblick: Sinn entsteht im Nachhinein, aus dem, was bereits geschehen ist.
  • Handeln: Wer handelt, verändert die Lage, die er zu verstehen versucht.
  • Sozial: Sinn entsteht im Austausch mit anderen.
  • Fortlaufend: Sensemaking endet nie.
  • Hinweise: Menschen greifen einzelne Signale heraus und schließen daraus auf das Ganze.
  • Plausibilität vor Genauigkeit: Eine stimmige, handlungsleitende Erklärung zählt mehr als eine vollständige.

Sensemaking ist also kein Verfahren der Datenauswertung, sondern ein Deutungsprozess. Daten liefern Hinweise; der Sinn entsteht erst durch Einordnung, Gespräch und Handeln.

Praxistipp

Fragen Sie Ihr Team nach dem letzten verlorenen Auftrag nicht nur, was passiert ist, sondern welche Erklärung der Kunde für seine Entscheidung hatte. Dort liegt der Ansatzpunkt für Sensemaking.

Mehr dazu: Die Herausforderungen des Führens in der VUCA-Welt

2. Warum Sensemaking im Vertrieb 2026 wichtiger wird

Drei Entwicklungen machen das Thema aktuell:

Mehr Quellen, mehr Widersprüche

Nach Gartner stimmen für 58 Prozent der Einkäufer die Angaben auf der Anbieter-Website nicht mit den Aussagen des Verkäufers überein. Erhalten Einkäufer übereinstimmende Informationen, ist ein hochwertiger Abschluss 2,89-mal wahrscheinlicher.

KI als neue Quelle

Einkäufer nutzen KI zur Recherche, misstrauen ihr aber zugleich: Nach Gartner (Mai 2026) wollen 69 Prozent Ergebnisse aus KI-Werkzeugen mit einem Verkäufer überprüfen. Zugleich bevorzugen 67 Prozent ein Einkaufserlebnis ohne Verkäufer (Gartner, März 2026).

Entscheidung vor dem Erstkontakt

Nach 6sense ordnen 94 Prozent der Einkaufsgruppen ihre Anbieterliste, bevor sie einen Verkäufer sprechen. Der Erstkontakt erfolgt im Durchschnitt nach 61 Prozent des Kaufprozesses.

Der Verkäufer wird damit zum Prüfer und Übersetzer: Er bestätigt, was stimmt, korrigiert, was nicht stimmt, und macht den Nutzen für das konkrete Unternehmen klar. Gartner spricht 2026 von „value clarity“, dem klaren Verständnis, wie eine Lösung die Ergebnisse in der Rolle und im Geschäftsumfeld des Käufers verbessert.

Praxistipp

Lassen Sie Ihre Verkäufer zu Beginn jedes Gesprächs fragen, welche Informationen der Kunde schon hat und woher. So erkennen Sie Widersprüche, bevor sie zum Einwand werden.

Mehr dazu: Digital Natives und Künstliche Intelligenz

3. Geben, Erzählen oder Sinn stiften

Gartner unterscheidet drei Grundhaltungen von Verkäufern:

Giving

Der Verkäufer liefert möglichst viele Informationen. Das erhöht beim Kunden die Unübersichtlichkeit.

Telling

Der Verkäufer gibt seine Sicht als die richtige vor. Das wirkt schnell bevormundend.

Sense Making

Der Verkäufer hilft dem Kunden, Informationen selbst zu bewerten und eine eigene, belastbare Sicht zu entwickeln.

Nach Gartner schlossen 80 Prozent der Verkäufer, die den Sense-Making-Ansatz nutzten, hochwertige Geschäfte ab, die der Kunde später nicht bereute. Die Zahl bezieht sich auf diese Verkäufer, nicht auf alle Abschlüsse. Die Befragung von mehr als 1.000 B2B-Kunden stammt von 2019; die neueren Gartner-Daten zu Entscheidungssicherheit und KI weisen in dieselbe Richtung.

Praxistipp

Hören Sie drei Gesprächsaufzeichnungen oder lesen Sie drei Gesprächsnotizen durch und ordnen Sie jede Gesprächsphase einer der drei Haltungen zu. Meist überwiegt Giving. Zeichnen Sie dafür nur mit Einwilligung aller Beteiligten auf (siehe Abschnitt 8).

Mehr dazu: Welche Kompetenzen brauche ich im Customer Service

4. Sensemaking in vier Schritten

Gartner beschreibt drei Verhaltensweisen: verbinden, klären, gemeinsam lernen. Die Diagnose zählt Gartner zum Verbinden; für die Praxis lohnt es sich, sie als eigenen Schritt voranzustellen.

  1. 1

    Diagnose

    Welche Entscheidung muss der Kunde treffen, welche Informationen hat er, wo ist er unsicher?

  2. 2

    Verbinden (Connect)

    Bieten Sie nur die Quellen und Werkzeuge an, die für diese Entscheidung relevant sind, etwa einen Vergleichsrechner oder einen Referenzkontakt.

  3. 3

    Klären (Clarify)

    Reduzieren Sie die Komplexität: Widersprüche auflösen, Begriffe erklären, Optionen auf zwei bis drei verdichten.

  4. 4

    Gemeinsam lernen (Collaborate)

    Befähigen Sie den Kunden, die Qualität von Informationen selbst zu beurteilen, etwa mit Bewertungskriterien, die er intern weitergeben kann.

Wichtig ist Weicks Merkmal „Plausibilität vor Genauigkeit“: Der Kunde braucht keine vollständige Marktübersicht, sondern eine stimmige Begründung, die er intern vertreten kann.

Praxistipp

Geben Sie dem Kunden nach jedem Termin eine einseitige Zusammenfassung mit Entscheidungskriterien, offenen Fragen und nächsten Schritten, nicht ein weiteres Foliendeck.

Mehr dazu: Die Bedeutung von Customer Relationship Management

5. Konsens in der Einkaufsgruppe

Sensemaking ist nach Weick ein sozialer Prozess. Im B2B-Vertrieb heißt das: Nicht eine Person entscheidet, sondern eine Gruppe. Nach Gartner umfassen Einkaufsgruppen fünf bis 16 Personen aus bis zu vier Funktionen. 74 Prozent der Gruppen zeigen „ungesunden Konflikt“, etwa durch widersprüchliche Ziele, uneinige Einschätzungen oder Entscheidungen von außen. Gruppen, die Konsens erreichen, berichten 2,5-mal häufiger von einem hochwertigen Abschluss.

Gartner warnt dabei vor zu viel Individualisierung: Inhalte, die nur auf die Interessen einzelner Personen zugeschnitten sind, belasten den Konsens in der Gruppe. Erleben Käufer Inhalte, die auf die Gruppe zugeschnitten sind, berichten sie dreimal häufiger von einem hochwertigen Abschluss. Die Befragung stammt aus dem Spätsommer 2024 (632 Einkäufer).

Praxistipp

Erstellen Sie für jede größere Chance eine Übersicht der Beteiligten mit ihrem Ziel, ihrer Sorge und dem gemeinsamen Nenner. Liefern Sie Material, das diesen Nenner stärkt.

Mehr dazu: Die 9 Trends für die C-Suite

6. Einheitliche Botschaft von Website, Marketing und Vertrieb

Kunden können nur dann Sinn stiften, wenn die Signale eines Anbieters zusammenpassen. Website, Produktunterlagen, Aussagen im Gespräch und Antworten von KI-Assistenten über Ihr Unternehmen sollten dasselbe sagen. Jede Abweichung kostet Vertrauen.

Rechtlich gilt zusätzlich: Werbliche Aussagen dürfen nicht irreführen (§ 5 UWG). Das betrifft auch Inhalte, die Verkäufer mit KI erstellen.

Praxistipp

Prüfen Sie einmal im Quartal die zehn wichtigsten Kundenfragen: Was steht auf der Website, was sagt der Vertrieb, was antwortet ein KI-Assistent? Gleichen Sie Abweichungen an.

Mehr dazu: CRO, CCO oder CDO

7. Erfolg messen: Entscheidungssicherheit statt Aktivität

Wer Sensemaking einführt, sollte nicht nur Termine und Angebote zählen. Nach der Gartner-Befragung vom März 2026 berichten Käufer mit hoher Entscheidungssicherheit doppelt so häufig von einem hochwertigen Abschluss wie Käufer mit geringer. Geeignete Kennzahlen sind etwa:

  • Anteil der Chancen mit dokumentierten Entscheidungskriterien des Kunden
  • Anteil der Chancen mit mindestens drei Beteiligten aus verschiedenen Funktionen
  • Reklamations- und Rücktrittsquote nach Abschluss als Hinweis auf bereute Entscheidungen
  • Zeit vom Erstkontakt bis zur Entscheidung

Praxistipp

Fragen Sie nach jedem Abschluss: Wie sicher waren Sie sich bei Ihrer Entscheidung auf einer Skala von 1 bis 10? Die Antwort ist ein Frühindikator für Wiederkauf und Empfehlung.

Mehr dazu: KPI Power

8. Gesprächsanalyse mit KI: was erlaubt ist

Sensemaking beginnt beim Zuhören. Viele Vertriebe nutzen dafür KI-Werkzeuge, die Gespräche aufzeichnen, transkribieren und auswerten. Hier gelten klare Grenzen:

Aufzeichnung

Wer das nichtöffentlich gesprochene Wort eines anderen unbefugt auf einen Tonträger aufnimmt, macht sich strafbar (§ 201 Abs. 1 Nr. 1 StGB). Das gilt auch für Telefon- und Videogespräche. Eine Aufnahme braucht deshalb die Einwilligung aller Beteiligten.

Emotionserkennung bei Mitarbeitenden

KI-Systeme, die Emotionen von Beschäftigten aus biometrischen Daten wie Stimme oder Mimik ableiten, sind am Arbeitsplatz seit 02.02.2025 verboten, außer aus medizinischen oder Sicherheitsgründen (Art. 5 Abs. 1 Buchst. f KI-VO; zum Begriff Art. 3 Nr. 39 KI-VO). Eine Auswertung von Stimmung, Stress oder Begeisterung der eigenen Verkäufer aus der Stimme ist damit unzulässig.

Emotionserkennung bei Kunden

Betreiber müssen die betroffenen Personen seit 02.08.2026 über den Betrieb eines Emotionserkennungssystems informieren (Art. 50 Abs. 3 KI-VO). Die Information ersetzt nicht die Prüfung, ob der Einsatz zulässig ist. Weil ein Gespräch immer auch die Stimme des Verkäufers erfasst, ist zu prüfen, ob sich beide Seiten technisch trennen lassen. Ab 02.12.2027 gelten für Emotionserkennungssysteme zusätzlich Hochrisiko-Pflichten (Anhang III KI-VO).

Datenschutz

Für die Verarbeitung brauchen Sie eine Rechtsgrundlage (Art. 6 DSGVO) und müssen die Betroffenen informieren (Art. 13 DSGVO). Stützen Sie die Auswertung auf berechtigte Interessen, können Betroffene widersprechen (Art. 21 DSGVO).

Mitbestimmung

Werkzeuge, die Verhalten oder Leistung der Mitarbeitenden überwachen können, sind mitbestimmungspflichtig (§ 87 Abs. 1 Nr. 6 BetrVG). Nach ständiger Rechtsprechung genügt, dass die Einrichtung dazu objektiv geeignet ist.

Praxistipp

Schalten Sie bei Gesprächsanalyse-Werkzeugen die Auswertung von Emotionen und Stimmung für Ihre Mitarbeitenden ab und lassen Sie sich das vom Anbieter schriftlich bestätigen.

9. Rechtsrahmen im Überblick

Die Übersicht trennt geltendes Recht, Übergangsregeln und bereits beschlossene, aber noch nicht anwendbare Pflichten. Die Fristen der KI-Verordnung hat die Verordnung (EU) 2026/1744 seit 27.07.2026 neu geordnet.

StandRegelungInhalt für den Vertrieb
GiltArt. 5 Abs. 1 Buchst. f KI-VOVerbot von KI zur Ableitung von Emotionen am Arbeitsplatz seit 02.02.2025.
GiltArt. 4 KI-VOKI-Kompetenz: Anbieter und Betreiber ergreifen Maßnahmen, um die Entwicklung der KI-Kompetenz ihres Personals zu unterstützen (seit 27.07.2026 in dieser Fassung nach VO (EU) 2026/1744, zuvor Sicherstellungspflicht seit 02.02.2025).
GiltArt. 50 KI-VOTransparenz seit 02.08.2026, darunter Abs. 1 (Hinweis bei Chatbots) und Abs. 3 (Information bei Emotionserkennung).
Gilt§ 201 StGBAufnahme des nichtöffentlich gesprochenen Wortes nur befugt, also mit Einwilligung aller Beteiligten.
GiltArt. 6, 13, 21 DSGVORechtsgrundlage, Information der Betroffenen, Widerspruchsrecht.
Gilt§ 87 Abs. 1 Nr. 6 BetrVGMitbestimmung bei technischen Einrichtungen zur Überwachung von Verhalten oder Leistung.
Gilt§ 2 Nr. 1 GeschGehGGeheimnisschutz setzt angemessene Geheimhaltungsmaßnahmen voraus; relevant bei öffentlichen KI-Werkzeugen mit Kundendaten.
Gilt§ 5 UWGWerbliche Aussagen dürfen nicht irreführen, auch nicht bei KI-erstellten Inhalten.
ÜbergangArt. 50 Abs. 2 KI-VO mit Übergangsregel in Art. 111 KI-VOMaschinenlesbare Markierung durch Anbieter generativer KI-Systeme; für vor dem 02.08.2026 in Verkehr gebrachte Systeme ab 02.12.2026. Die Kommission hat am 20.07.2026 Leitlinien zu Art. 50 veröffentlicht.
Beschlossen, noch nicht anwendbarAnhang III Nr. 1 und Nr. 4 KI-VOHochrisiko-Pflichten für Emotionserkennung und für KI im Beschäftigungsbereich ab 02.12.2027 (VO (EU) 2026/1744).

Praxistipp

Ordnen Sie jedes KI-Werkzeug im Vertrieb einer Risikoklasse zu und dokumentieren Sie, wer die Einhaltung prüft.

Mehr dazu: Compliance-Seminare 2026/2027

10. Technik und KI

KI als Sensemaking-Assistent

KI-Werkzeuge fassen Ausschreibungen, Gesprächsnotizen und Marktinformationen zusammen und schlagen Fragen vor. Gartner prognostiziert, dass 2027 rund 95 Prozent der Recherche-Workflows von Verkäufern mit KI beginnen (2024: weniger als 20 Prozent). Die Deutung bleibt Aufgabe des Menschen.

Inhalte für KI-Agenten

Gartner empfiehlt 2026 modulare Inhalte, die auch KI-Agenten der Einkäufer verarbeiten können. Wer klare, belegbare Aussagen liefert, wird in deren Antworten eher richtig wiedergegeben.

Fehlerhafte KI-Antworten

KI-Ergebnisse können falsch sein. Verkäufer sollten Fakten, Preise und Rechtsaussagen vor der Weitergabe an Kunden prüfen.

Vertraulichkeit

Kundendaten gehören nicht in öffentliche KI-Werkzeuge ohne Vertrag und Geheimhaltungsregeln.

Praxistipp

Legen Sie eine kurze Regel für den Vertrieb fest: welche KI-Werkzeuge erlaubt sind, welche Daten hinein dürfen und wer KI-Ergebnisse vor der Weitergabe prüft.

Mehr dazu: SMART-Ziele und Leadership

Fazit

Sensemaking im Vertrieb heißt, Kunden nicht mit Informationen zu überladen, sondern ihnen zu helfen, die richtige Entscheidung zu treffen und intern zu vertreten. Die Gartner-Daten zeigen, dass gerade das zu besseren Abschlüssen führt. In Zeiten von KI-Recherche und großen Einkaufsgruppen wird diese Fähigkeit wichtiger, nicht unwichtiger.

Kernbotschaften

  • Sensemaking ist ein Deutungsprozess, keine Datenauswertung (Weick).
  • Verkäufer helfen am meisten, wenn sie Informationen prüfen und einordnen, statt sie zu häufen oder vorzugeben.
  • Entscheidungssicherheit und Konsens in der Einkaufsgruppe sind messbare Ziele.
  • Wer Gespräche mit KI auswertet, muss die Grenzen von KI-Verordnung, Strafrecht, Datenschutz und Mitbestimmung kennen.

Prüfschema

Das Prüfschema ordnet jede Frage dem Prüffeld und dem Normbezug zu. Wo keine Norm steht, beruht die Frage auf der Methode dieses Beitrags.

Nr.PrüffeldPrüffrageNormbezugBefund bei Lücke
1DiagnoseWird vor jedem Angebot geklärt, welche Entscheidung der Kunde treffen muss und wo er unsicher ist?Methode (Abschnitt 4)Angebote beantworten Fragen, die der Kunde nicht gestellt hat.
2EinkaufsgruppeSind die Beteiligten der Einkaufsgruppe mit Ziel und Sorge erfasst?Methode (Abschnitt 5)Material verstärkt Unterschiede statt des gemeinsamen Nenners.
3BotschaftStimmen Website, Unterlagen und Aussagen des Vertriebs überein?Methode (Abschnitt 6)Widersprüche kosten Vertrauen.
4WerbeaussagenSind Werbeaussagen zutreffend und nicht irreführend?§ 5 UWGIrreführungsrisiko, auch bei KI-erstellten Texten.
5ErfolgsmessungWird Entscheidungssicherheit nach Abschluss gemessen?Methode (Abschnitt 7)Steuerung nur über Aktivität.
6AufzeichnungLiegt vor jeder Gesprächsaufzeichnung die Einwilligung aller Beteiligten vor?§ 201 Abs. 1 StGBStrafbarkeitsrisiko bei unbefugter Aufnahme.
7Emotionserkennung MitarbeitendeIst die Emotionserkennung für Mitarbeitende abgeschaltet?Art. 5 Abs. 1 Buchst. f KI-VOVerbotene Praxis seit 02.02.2025.
8Emotionserkennung KundenWerden Kunden über Emotionserkennung informiert, falls sie eingesetzt wird?Art. 50 Abs. 3 KI-VOInformationspflicht nicht erfüllt.
9DatenschutzGibt es Rechtsgrundlage und Information für die Gesprächsauswertung?Art. 6, 13 DSGVOVerarbeitung ohne tragfähige Grundlage.
10MitbestimmungIst der Betriebsrat bei Analysewerkzeugen beteiligt?§ 87 Abs. 1 Nr. 6 BetrVGEinführung ohne Mitbestimmung.
11KI-KompetenzGibt es Maßnahmen zur Entwicklung der KI-Kompetenz im Vertriebsteam?Art. 4 KI-VOFördermaßnahmen fehlen.
12GeheimnisschutzGelangen keine Kundendaten ungeschützt in öffentliche KI-Werkzeuge?§ 2 Nr. 1 GeschGehGGeheimnisschutz kann entfallen.

Checkliste

  • Drei Gespräche nach Giving, Telling und Sense Making ausgewertet
  • Diagnosefragen für den Gesprächsbeginn festgelegt
  • Einseitige Entscheidungszusammenfassung als Vorlage erstellt
  • Beteiligtenübersicht für jede größere Chance angelegt
  • Inhalte auf gemeinsame Ziele der Einkaufsgruppe ausgerichtet
  • Zehn wichtigste Kundenfragen auf Website, im Vertrieb und in KI-Antworten abgeglichen
  • Kennzahl Entscheidungssicherheit eingeführt
  • Einwilligungsprozess für Gesprächsaufzeichnungen dokumentiert
  • Emotionserkennung für Mitarbeitende abgeschaltet und vom Anbieter bestätigt
  • Datenschutzinformation und Betriebsvereinbarung für Analysewerkzeuge geprüft
  • KI-Werkzeuge im Vertrieb in einem Register erfasst
  • Maßnahmen zur KI-Kompetenz für das Vertriebsteam festgelegt

FAQ

Was bedeutet Sensemaking im Vertrieb?+–

Sensemaking bedeutet, Kunden zu helfen, vorhandene Informationen zu ordnen, zu bewerten und daraus eine Entscheidung abzuleiten, die sie intern vertreten können.

Wer hat den Begriff geprägt?+–

Der Organisationspsychologe Karl E. Weick, vor allem mit seinem Buch „Sensemaking in Organizations“ von 1995.

Was ist ein Sense Making Seller?+–

Ein Begriff von Gartner für Verkäufer, die Kunden nicht mit Informationen versorgen oder ihnen eine Sicht vorgeben, sondern sie bei der eigenen Bewertung unterstützen.

Dürfen wir Verkaufsgespräche aufzeichnen und mit KI auswerten?+–

Nur mit Einwilligung aller Beteiligten, denn die unbefugte Aufnahme des nichtöffentlich gesprochenen Wortes ist nach § 201 StGB strafbar. Hinzu kommen eine Rechtsgrundlage und die Information der Betroffenen nach Art. 6 und 13 DSGVO sowie die Beteiligung des Betriebsrats nach § 87 Abs. 1 Nr. 6 BetrVG, wenn die Auswertung Verhalten oder Leistung der Mitarbeitenden erfassen kann.

Dürfen wir die Stimmung unserer Verkäufer per KI messen?+–

Nein, soweit ein KI-System Emotionen der Beschäftigten aus biometrischen Daten wie der Stimme ableitet. Dieses Verbot gilt seit 02.02.2025 (Art. 5 Abs. 1 Buchst. f KI-VO), Ausnahmen bestehen nur aus medizinischen oder Sicherheitsgründen.

Wie messen wir den Erfolg?+–

Mit Kennzahlen zur Entscheidungssicherheit, zu dokumentierten Entscheidungskriterien und zu bereuten Entscheidungen, nicht nur mit Aktivitäten wie Terminen und Angeboten.

Quellenverzeichnis

Verlinkt sind ausschließlich amtliche Stellen. Stand der Abrufe: 28.10.2026.

EU-Rechtsakte und Europäische Kommission

Bundesrecht

Studienbasis (nichtamtlich, ohne Link)

  • Gartner, Pressemitteilungen vom 07.05.2025 (632 Befragte, 2024), 09.03.2026 (646 Befragte) und 20.05.2026 (645 Befragte, 2025) sowie Gartner-Forschungsbeitrag zur Abstimmung von Vertrieb und Marketing.
  • Gartner, Beitrag zum Sense-Making-Ansatz (Brent Adamson, 06.11.2019, mehr als 1.000 befragte B2B-Kunden).
  • 6sense, Buyer Experience Report 2025.
  • Karl E. Weick, Sensemaking in Organizations, SAGE 1995.

Einordnung: Die Sense-Making-Werte von Gartner stammen aus einer Befragung von 2019, die übrigen Gartner-Werte aus Befragungen von 2024 und 2025. Die Befragungen sind international und nicht auf Deutschland beschränkt.

Weiterführend bei S+P

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Dieser Beitrag ersetzt keine Rechtsberatung im Einzelfall.

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Achim Schulz
Über den Autor

Achim Schulz

Geschäftsführer S+P Compliance & S+P Unternehmerforum · langjährige Vorstands- & Geschäftsführungserfahrung

Achim Schulz kennt die Führungsebene aus eigener Verantwortung – langjährig als Vorstand bei Banken und Geschäftsführer sowie als Interim-Manager in Industrieunternehmen. Diese Doppelperspektive aus Finanzsektor und Realwirtschaft prägt seine Beiträge für CEO, COO und CFO. Er kennt das Zusammenspiel von Geschäftsleitung, Aufsichtsrat und Gesellschaftern aus der Praxis und übersetzt strategische wie aufsichtsrechtliche Anforderungen in umsetzbare, haftungssichere Führungsentscheidungen – praxisnah und auf Augenhöhe mit dem Management.

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